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WOLFGANG SCHNEIDER
Was ist akzeptanzorientierte
Drogenarbeit?*
1. Ausgangssituation
Ausschließlich abstinenzorientierte Konzepte und Strategien in
Drogenpolitik und Drogenhilfepraxis haben sich in der Vergangenheit als weitgehend
ineffizient erwiesen. Seit Ende der achtziger Jahre befindet sich die Drogenarbeit in
einer Umbruchphase. Beispielhaft sei hier nur die Methadondiskussion genannt. Ausgelöst
wurde dieser Umbruch von einer ausschließlich abstinenzorientierten Drogenhilfe hin zu
einer adressatenorientierten Drogenarbeit durch mehrere Faktoren. Erstens muß hier die
offenkundig geringe Reichweite des hochschwelligen und abstinenzorientierten
Drogenhilfesystems angeführt werden. Zweitens „zwangen" die sich von Jahr zu
Jahr erhöhende Zahl von Drogentodesfällen, die zunehmende gesundheitliche und soziale
Verelendung der Drogenabhängigen in den öffentlichen Drogenszenen sowie ständig
steigende gesellschaftliche Sekundärkosten (Beschaffungskriminalität etc.) zu einem
Beschreiten neuer Wege. Die starke Verbreitung der HIV-Infektionen und das Aufkommen der
Immunschwächekrankheit AIDS unter intravenös applizierenden Drogenkonsumenten führte
zudem dazu, neue Wege im sekundärpräventiven Bereich (Schadensbegrenzung statt
unmittelbarer Abstinenzforderung) der Drogenhilfe zu gehen. Auch der Gesetzgeber der BRD
ist diesem Ansatz zumindest teilweise gefolgt: 1992 wurde eine Opportunitätsvorschrift
eingeführt (§ 31a BtMG), die eine Einstellung des Verfahrens bei geringen Mengen zum
Eigenverbrauch seitens der Staatsanwaltschaft vorsieht.
Neuere qualitative, lebensweltnahe Forschungsergebnisse zeigen
darüber hinaus, daß Drogengebrauchsentwicklungen nicht mehr verallgemeinernd in der
nämlich vereinfachenden Kausalkette, „Persönlichkeitsdefizit - Soziale Probleme - Abhängigkeit - Therapie -
Abstinenz", aufgehen, geschweige denn in einem linearen Drogengebrauchsmodell zu
fassen sind. Es wurde festgestellt, daß Drogenabhängigkeit kein statischer Zustand ist,
der einmal erreicht und nur und ausschließlich über Langzeittherapie aufhebbar wäre
(Alternative: Knast, Tod).
Ferner ist weiterhin ein ausschließlich substanzfixiertes Krankheitsbild in
seiner Pauschalität nicht mehr haltbar. Die Forschungsergebnisse widersprechen ferner
- einer Opfertheorie, die kein aktives Subjekt, das sich mit den jugendalter- und szenetypischen
Widrigkeiten situationsspezifisch auseinandersetzt, kennt;
- einer eher mechanistischen
Betrachtungsweise der Drogengebrauchsentwicklung, die eine
stereotype Abfolge von physischen und psychischen Zuständen unterstellt;
- einer rein
statischen, problemorientierten Beschreibung und Erklärung von
Abhängigkeit, die die Variabilität von Einstiegs- und möglichen Ausstiegsverläufen,
deren Motive sowie die Etablierung auch kontrollierter Gebrauchsformen negiert;
- einer individuumszentrierten und drogenspezifischen
Blickrichtung, welche moderierende, umfeldspezifische Einflußgrößen vom Einstieg über
zwanghafte und/oder kontrollierte Gebrauchsmuster bis hin zum möglichen Ausstieg auch
ohne „professionelle Betreuung" (sog. Selbstaussteiger oder auch irreführend
"Selbstheiler" genannt) außer Acht läßt (vgl. WEBER/SCHNEIDER 1992, SCHNEIDER
1995).
Weiterhin machen diese Forschungsergebnisse deutlich, daß eine
einseitig auf stationäre Langzeittherapie ausgerichtete Drogenhilfe der Heterogenität unter
Drogengebrauchern und von Drogenentwicklungsverläufen nicht mehr gerecht wird.
2. Grundlagen und Zielsetzungen einer
akzeptanzorientierten Drogenarbeit
Was ist denn nun unter akzeptanzorientierter Drogenarbeit zu
verstehen ?
Akzeptanzorientierte Drogenhilfe basiert auf völlig anderen
Prämissen als die traditionelle, rein abstinenzorientierte Drogenhilfe. Das abstrakte
Heilungsideal und Clean-Postulat des Abstinenzparadigmas, Therapiemotivationsarbeit,
Leidensdrucktheorie, Klientelisierung (Unterstellung von genereller
Behandlungsbedürftigkeit), Defizittheorie (Drogengebraucher als kranke Störungsbündel)
und der sogenannte „helfende Zwang", die bis Mitte der achtziger Jahre das
Erscheinungsbild von Drogenpolitik und Drogenarbeit prägten, gehören nicht zu den konzeptionellen
Grundlagen einer akzeptanzorientierten Drogenarbeit.
Grundlage akzeptanzorientierter
Drogenarbeit ist, daß Drogengebraucher als mündige, zur Selbstverantwortung und
Selbstbestimmung fähige Menschen angesehen werden (Recht auf menschenwürdige
Behandlung). Eine derartig zielgruppenorientierte Arbeit basiert auf Freiwilligkeit und ist nicht bevormundend ausgerichtet.
Drogengebraucher werden so akzeptiert, wie sie sind. Der leider inflationär verwandte Begriff Niedrigschwelligkeit bedeutet
demgegenüber, daß möglichst wenig Hemmschwellen Drogengebraucher von der Benutzung von
Hilfsangeboten abschrecken bzw. ausschließen sollen. Insofern ist Niedrigschwelligkeit
nur ein methodischer Ansatz, der nicht notwendigerweise eine Abkehr vom Abstinenzparadigma
beinhaltet. Auf feste Terminvereinbarungen, Cleanstatus und der demonstrativen Darstellung
einer Abstinenzmotivation als Voraussetzung für Inanspruchnahme von Angeboten und Hilfestellungen wird verzichtet. Die
Arbeit in den offenen Arbeitsbereichen kann insofern auch als anforderungsarm bezeichnet werden. In der Praxis hat
sich inzwischen gezeigt, daß die Angebote akzeptanzorientierter Drogenarbeit
(Kontaktläden, Substitution, Safer-Use-Vermittlungen, szenenahe, ärztliche
Akutversorgung, Spritzentauschprogramme, Streetwork, Übernachtemöglichkeiten u.a.) es
erreicht haben, auch diejenigen
Drogengebraucher einzubeziehen, die vom traditionellen, ausschließlich
abstinenzorientierten Drogenhilfeverbundsystem nicht erreicht werden konnten.
Nationale wie internationale Forschungsergebnisse zu den
Auswirkungen niedrigschwelliger (d.h. im eigentlichen Sinne akzeptanzorientierter)
Drogenarbeit verdeutlichen, daß nicht abstinenzorientierte Angebote im Sinne von schadensbegrenzenden Unterstützungsmöglichkeiten und Überlebenshilfen in der Lage sind, drogengebrauchende Mitbürger direkt anzusprechen, Selbsthilfeorganisationsressourcen der Betroffenen
zu fördern, Safer-Use-Strategien zu stärken
und - auf Wunsch - ergänzende, verbindliche Hilfen wie
Substitutions-, Entzugsplatz- und Therapievermittlungen anzubieten.
An die Umsetzung akzeptanzorientierter Drogenarbeit sind jedoch
sieben inhaltliche Voraussetzungen gebunden:
1. Anerkennung der Ambivalenz einer jeden Droge, d.h.
Anerkennung der Tatsache, daß jede Droge ihre positive und negativ-schädliche Seite hat;
2. Gelassenheit gegenüber der dynamischen und auch
diskontinuierlichen Entwicklungsmöglichkeit auch bei zwanghaft und exzessiv
Gebrauchenden;
3. Verzicht auf den Appell zur sofortigen Verhaltensänderung
und auf übermäßige Strukturierung des Kontaktverlaufs;
4. Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts von
Drogengebrauchenden bezüglich Intensität, Richtungsverlauf und Verbindlichkeit der
Kontakte;
5. Aufhebung der Degradierung von Drogengebrauchern als Objekte
klinisch-kurativer Strategien der Persönlichkeitsumwandlung (Verzicht auf methodisierende
Klientelisierung und Unterstellung genereller Behandlungsbedürftigkeit);
6. Akzeptanz des drogenbezogenen Lebenstils, jedoch keine
"Verbrüderung" und kein Einlassen auf dramatisierende, mitleidserheischende
Selbstdarstellungen;
7. Verzicht auf Instrumentalisierung und Vermeidung eines
sozialpädagogi-schen Opportunismus durch Herstellung eines ausgeglichenen Verhältnisses
zwischen Nähe und Distanz.
Diese sieben Prämissen können auch - wenn man es so will - als
Qualitätsstandards, als Maßstäbe zur Bewertung einer richtig verstandenen
akzeptanzorientierten Drogenarbeit angesehen werden.
Die Zugangsmethode „Niedrigschwelligkeit" und der
inhaltliche Arbeitsansatz Akzeptanz erhöhen also insgesamt die Reichweite von Drogenhilfe. Da
dieser Arbeitsansatz jedoch von grundsätzlich anderen drogentheoretischen Prämissen und
Zielsetzungen ausgeht als die traditionelle hochschwellige Drogenarbeit und die
gegenwärtige, eher repressiv orientierte Drogenpolitik, ist akzeptanzorientierte
Drogenhilfe niemals nur Ergänzung der Angebotspalette von klassischer Drogenhilfe,
sondern versucht, mit ihren „neuen" Ideen und Ansätzen auch drogenpolitisch auf
diese zurückzuwirken.
Die gesamte Drogenpolitik und Drogenhilfe steht heute vor einer inhaltlich-konzeptionellen Neubestimmung, die in der akzeptanzorientierten Drogenarbeit z.T. vorweggenommen wird. Gerade
wegen dieser Vorreiterfunktion, die sich aufgrund der enormen gesundheitlichen und sozialen
Verelendungserscheinungen und hoher Drogentodeszahlen in der Praxis als unbedingt
notwendig erwiesen hat, ergeben sich gegenwärtig aber auch eine Vielzahl von Problemen
(u.a. Kontroll- und Organisationsfragen, Probleme „vor Ort", z.B. Anwohner,
Polizei, Akzeptanz bei der Bevölkerung, rechtliche Fragen).
Akzeptanzorientierte Drogenarbeit als ein integraler Bestandteil
öffentlicher Drogenhilfe zielt auf die Minimierung der gesundheitlichen, sozialen und
psychischen Risiken für
Drogengebraucher, die v.a. auch durch die gegenwärtige Drogenverbotspolitik hervorgerufen
werden. Sowohl Effektivität als auch Stellenwert und Selbstverständnis
akzeptanzorientierter Drogenarbeit leiden unter der paradoxen Situation, in weiten
Bereichen gegen die offizielle Drogenpolitik anarbeiten zu müssen.
Sie versteht sich jedoch nicht als Alternative oder Konkurrenz zu abstinenzorientierten Einrichtungen,
sondern als ein zusätzliches Hilfsangebot. Drogenkonsum akzeptierende Hilfen in Form offener, szenenaher Kontakt- und
Anlaufstellen machen feste Beratungs- und Therapieangebote nicht überflüssig. Im Gegenteil: Durch die große
Reichweite akzeptanzorientierter Angebote hat sich auch die Nachfrage nach verbindlichen
Hilfen wie Einzelfallberatungen, Entzugs- und/oder Therapieantritten,
Substitutionsmaßnahmen, intensiver ambulanter, psycho-sozialer Begleitung u.a.m. erhöht.
Es muß allerdings durch den Aufbau diversifizierter Hilfsangebote für Drogengebraucher -
und das erscheint mir sehr wesentlich - eine echte Wahlfreiheit
zwischen verschiedenen Hilfsangeboten geschaffen werden, und die
drogengebrauchenden Mitbürger müssen das Recht erhalten, über den für sie geeigneten
Weg mit und ohne Drogen selbst zu bestimmen.
3. Sozialpädagogisierung oder
eigenverantwortliche Schadensbegrenzung?
Begreift man akzeptanzorientierte Drogenarbeit als
adressatenorientierte und bedürfnisorientierte Perspektive der Einbeziehung vorhandener Handlungskompetenz von
drogengebrauchenden Mitbürgern und nicht nur als Erhöhung
der Reichweite und damit auch der Attraktivität des klassischen Behandlungssystems
im Sinne einer funktionalisierenden Litfaßsäule als Werbeeinsatz für
abstinenzorientierte Langzeittherapie, dann muß eine Zielorientierung in der Stützung
und/oder Vermittlung von Safer-Use-Strategien und risikobewußter Gebrauchsregeln bestehen
[wie konsequenter Spritzentausch (kein Needle-Sharing), Vermeiden eines intravenösen
Gebrauchs, bewußte Einhaltung von Cleanphasen, vorsichtige Dosisantestung
(Reinheitsgehalt schwankt, Strecksubstanzen), bewußte Dosisbegrenzung].
Eine rein sozialpädagogische Methodisierung
akzeptanzorientierter Drogenhilfe - wie sie z.Z. gefordert wird -, als Methodik
drogenhelferischen Handelns, das als Ziel sozialen Lernens Freiwilligkeit und Einsicht in
die Notwendigkeit eines drogenfreien Lebens anstrebt (Motto: „Wir wissen schon, was
für Euch gut ist"), wird dazu führen, daß ein belebendes Praxiskonzept den
Offenbarungseid leisten muß und seiner Flexibilität beraubt wird. Des Kaisers neue
Kleider oder Abstinenzforderung durch die Hintertür? Akzeptanzorientierte Drogenarbeit
sollte insofern auf die Aufhebung der pädagogischen „Reparaturmentalität"
zielen. Die Unterstützung zur (Wieder-)Herstellung der Selbststeuerungsfähigkeit (Empowerment), d.h. der
Abbau der „Opfer- und Klientenrolle" von Drogengebrauchern, die sie z.T. auch
selber verinnerlicht haben (Selbststigmatisierung), wird somit zum Angelpunkt einer nicht
abstinenzbezogenen, schadensbegrenzenden Drogenarbeit.
Eine so verstandene Drogenarbeit toleriert das Recht auf
Anders-Sein von Drogengebrauchern, macht sie nicht zum Objekt staatlich-administrativer
und sozialpädagogisch-therapeutischer Maßnahmen zum Zwecke der Integration durch
unbedingte Abstinenz. Sie ist nicht ständig auf der Suche nach neuen „Klienten"
und erschöpft sich nicht in der Produktion von Legitimationstheorien zu ihrer eigenen
Erhaltung. Sie wehrt sich gegen eine ausschließliche
Therapeutisierung von Drogengebrauchern und damit verbunden gegen
eine „Methodisierung der Köpfe" der „Helfer". Sie hat Respekt vor der
„Eigensinnigkeit" von Deutungsmöglichkeiten; das Doppel-Mandat von Kontrolle
und Hilfe stellt sich unter den gegebenen Prohibitionsbedingungen zwar mit prägnanter
Drastik, kann jedoch - beachtet man die oben erwähnten Prämissen - durch ein
ausgeglichenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz ansatzweise aufgehoben werden.
Aufgabe schadensbegrenzender Drogenarbeit sollte es sein,
Drogengebrauch zu tolerieren und Informationen
über risikoarme und gesundheitsschonende Gebrauchsvarianten zu
vermitteln. Neben Hinweisen auf risikobewußte Gebrauchsformen (Safer-Use-Maßnahmen)
müssen hierzu auch Informationen über
Verunreinigungen und Stoffkonzentrationen von illegalisierten Drogen (Heroin, Kokain etc.) gehören (Einrichtung von Clearingstellen zur Analyse von Straßendrogen), um
Überdosierungen zu vermeiden und die gesundheitlichen Risiken allgemein zu reduzieren
(Drug-Checking-Projekte; Frühwarnsysteme).
Eine Reduzierung gesundheitlicher und sozialer Risiken wäre
ferner durch folgende Maßnahmen erreichbar:
- niedrigschwellige Substitutionsmöglichkeiten mit Methadon,
Codein oder anderen Opioiden ohne rigide Indikationskriterien und qualitätskontrollierte
Originalstoffabgabe (nicht Vergabe) nicht nur an „Schwerstabhängige"
- flächendeckende Verteilung von sterilen Spritzbestecken, Ascorbinsäure, sterilem Wasser,
Alkoholtupfern, Venensalben und Kondomen - auch in Justizvollzugsanstalten (siehe:
Modellprojekt Niedersachsen)
- Ausbau niedrigschwelliger Angebote bezüglich Ernährung,
Hygiene etc. (lebenspraktische Hilfen)
- Wohnraum- und Arbeitsvermittlungen (Jobbörsen)
- Betreutes Wohnen (eigenständige Haushaltsführung)
- Ausbau von Wohnprojekten für HIV-infizierte Frauen und
Männer
- Einrichtung bordellähnlicher Betriebe als Schutzraum für sich prostituierende
DrogengebraucherInnen
- Ausbau qualifizierter Entgiftungsmöglichkeiten mit Methadon
u.a. Opioiden ohne Therapieverpflichtung (Urlaub von den Drogen)
- Einrichtung sogenannter
„Konsum- oder Gesundheitsräume" als Überlebenshilfe und
Gesundheitsschutz
- kostenlose
Hepatitisschutzimpfungen
- flächendeckende szenenahe ärztliche Akutversorgung
- ausreichende Versorgung mit Notschlafstellen
- Unterstützung von Selbstorganisationsbestrebungen
(Junkiebünde, JES-Gruppen)
- betroffenengestützte Verbraucherberatung durch sog.
Peer-Support-Systeme (sachgerechte Substanzaufklärung)
Akzeptanzorientierte Drogenarbeit bezieht sich nicht auf das
Drogenfreiheitspostulat, stellt keinen Appell an sofortige Verhaltensänderung. Sie
kooperiert mit den Drogengebrauchern bei der Erarbeitung eines eigenverantwortlichen,
risikominimierenden, aber auch genußorientierten Umgangs mit illegalisierten Drogen. Dazu
muß sie - als These formuliert - „Drogen-Beratung" im wahrsten Sinne des Wortes
durchführen und Angebote unterbreiten, die einen gesundheitsschonenden Konsum in
Eigenregie ermöglichen (können). Eine wirklich "akzeptierende" Drogenarbeit
mit dem Ziel einer weitgehenden Normalisierung der Lebensbedingungen von
drogengebrauchenden Mitbürgern wird aber erst dann gelingen, wenn sich auch die
Drogenpolitik notwendigen Konsequenzen (personenbezogene Entkriminalisierung,
substanzbezogene Legalisierung) nicht verschließt. Dies wäre sicherlich keine Lösung
des Suchtproblems, kein neuer Königsweg, aber Drogen würden so jenen unter qualitäts-
und dosiskontrollierten Bedingungen verfügbar gemacht, die sie so oder so konsumieren und
die sie unter den heutigen Verhältnissen in der illegalen Drogenszene sich verschaffen - „koste es was es wolle,
nämlich die Gesundheit und oft genug das Leben" (BOSSONG 1991, S.7).
Die Aufbruchstimmung, die mit der Konzeptualisierung und
Umsetzung einer akzeptanzorientierten Drogenhilfe verbunden war, weicht mehr und mehr
einer verschwommenen Methodisierung; eine subtil "verkaufte" Medizinalisierung
und Psychiatrisierung tritt immer stärker in den Vordergrund. Dies ist uns Anreiz und
Verpflichtung, das Grundverständnis und die Facetten akzeptanzorientierter Drogenarbeit
pointiert auf den Punkt zu bringen. Keine Einrichtung, die heutzutage nicht
"niedrigschwellig" arbeitet. Der inflationäre Gebrauch von Begrifflichkeiten
hat aber eine "systemimmanente" Tendenz: Er verwässert und drängt die
konkreten Arbeitsinhalte, die Grundannahmen, in den Hintergrund. Trotz extensiver
Verbreitung der neuen Begrifflichkeiten wie "Niedrigschwelligkeit",
"Akzeptierende Drogenarbeit", "Suchtbegleitung" bleiben häufig
unhinterfragte Bezugsnormen wie "mehrfachgeschädigte, chronische Suchtkranke",
"Abhängigkeitssyndrom", "Defizittheorien", "Krankheits- und
Klientelisierungskonzept" die dominierenden Orientierungspunkte. Von einer
Entzauberung der herrschenden Drogenmythen kann keine Rede sein, es gesellen sich zudem
immer neue Mythen hinzu. Der gesellschaftliche Drogenkult, gespeist aus der
allgegenwärtigen Drogenangst, dreht sich weiter. Diabolisierungs- und
Dramatisierungsszenarien bestimmen die wissenschaftliche und öffentliche Diskussion
(insbesondere hinsichtlich der "Ecstasyberichterstattung" in Forschung und
Medien).
Wenn schon Cannabis bisher nicht als Einstiegsdroge herhalten
konnte, so ist es jetzt Ecstasy. Ausnahmeerscheinungen und Korrelationen werden als
Kausalitäten dargestellt. Die Verjüngungsthese feiert überdies fröhliche Urständ. Die
Aussage, Drogengebraucher werden immer jünger, ist genauso richtig, wie die kaum zu
leugnende Tatsache, daß die Studierenden in der Bundesrepublik immer jünger werden. Aus
dem Blickwinkel von uns Älteren sehen sie halt jünger aus. Life-Time-Prävalenzen beim
Drogengebrauch werden mediengerecht als gewohnheitsmäßiger Mißbrauch verkauft.
Fremdstereotypen bestimmen das alltägliche und wissenschaftliche Drogenbild, dieses
"hidden curriculum" beeinflußt aber gerade auch die alltägliche Praxis der
Drogenhilfe und Drogenpolitik. Ein Kurswechsel (auch Paradigmawechsel genannt) ist noch
längst nicht vollzogen: die akzeptanzbezogene Orientierung an die vorhandenen Stärken
der drogengebrauchenden Mitbürger in ihrem Lebensraum in einem verständigungs-orientierten Dialog ohne Überidentifikation,
anstelle von zwanghaften Reintegrationsbemühungen via abstinenzbezogener Maßnahmen.
Selbstgestaltung mit und ohne Drogengebrauch statt Zwangskorrektur, so läßt sich
zusammenfassend das Grundverständnis akzeptanzorientierter Drogenarbeit beschreiben.
Akzeptanzorientierung als neues Paradigma bezieht sich nun nicht primär auf die
Hilfsstrategien im Drogenarbeitsbereich, sondern auf die Veränderung des kognitiven und
emotionalen Bildes (der sozio-kulturellen Konstruktion) von Substanzen und
drogengebrauchenden Mitbürgern.
4. Literatur
Bossong, H.: Kritische Bestandsaufnahme zur aktuellen
Drogenpolitik. Werkstattgespräche Drogenpolitik. Bonn 1991
INDRO e.V.: Reader zur niedrigschwelligen Drogenarbeit.
VWB-Verlag. Berlin 1994
Gerlach, R./Engemann, S.: Zum Grundverständnis
akzeptanzorientierter Drogenarbeit. INDRO e.V. Münster 1995
Keupp, H.: Wer erzählt mir, wer ich bin ? Identitätsofferten
auf dem Markt der Narrationen. In: Psychologie und Gesellschaftskritik. 4/1996, S. 39-65
Schneider, W.: Akzeptierende Drogenarbeit. Ein neues Paradigma?
In: INDRO e.V.: Akzeptanzorientierte, niedrigschwellige Drogenarbeit. Münster 1994
Schneider, W.: Ausstiegswege aus der Sucht illegaler
Drogen.Forschungsstand und praktische Konsequenzen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte.
9/1995, S.13-21
Schneider, W.: Der gesellschaftliche Drogenkult. Essays zur
Entzauberung von Drogenmythen in Drogenhilfe, Drogenforschung und Drogenpolitik.
VWB-Verlag. Berlin 1996
Weber, G./Schneider, W.: Herauswachsen aus der Sucht.
Forschungsendbericht. Düsseldorf (MAGS) 1992
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* Geringfügig
gekürzter Beitrag aus: Schneider, W. (Hg.): Brennpunkte akzeptanzorientierter ...Drogenarbeit. VWB.
Berlin 1997, 7-14
© Dr. Wolfgang Schneider. Vervielfältigung jeglicher Art,
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